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Die Geschichte

La Famiglia

La Famiglia
Prolog
Sie hält ihr Kind mit ausgestreckten Armen in die Flammen und verkohlt sich die Hände. Sie schreit vor Schmerzen. In einem großen Kreis steht die Familie um das Feuer herum. Schweigen. Keiner von den Umstehenden greift ein. Alle schauen nur zu. Die Flammen greifen um sich, verschlingen einen nach dem anderen. Zurück bleibt Asche. Schatten steigen aus ihr empor und verschwinden.

1. Szene
Disperatos Augäpfel zucken unter den Lidern. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Er sitzt am Schreibtisch. Sein schmaler Oberkörper liegt auf der Tischplatte. Der graugelockte Kopf ruht auf den Armen. Plötzlich knallt unten auf der Straße ein Auspuff und er wacht auf. Zunächst blickt er sich verunsichert um. Er befindet sich noch im Büro. Es ist wieder dieser Alptraum gewesen. Er wird ihn einfach nicht mehr los. Was hat ihm einmal sein Psychiater gesagt? Er habe es immer noch nicht verarbeitet, dass ihn seine Mutter gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben hat. Er versuche bis heute gegen die Schatten der Vergangenheit anzukämpfen, weil er die Entscheidung der Mutter nicht akzeptiert. Disperato tupft sich den kalten Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn. Er ist erschöpft. Schwermütig erhebt er sich, nimmt seinen braunen Aktenkoffer und verlässt das Büro.
Auf dem langen Flur des Gerichts von Palermo warten bereits drei Leibwächter auf ihn. Sie tragen alle Turnschuhe, sind leger gekleidet und schwer bewaffnet. Sie nehmen Disperato in ihre Mitte und begeben sich mit ihm in Richtung Hauptausgang. In der Vorhalle des Gebäudes hängt ein großes Portrait vom ehemaligen Mafiajäger, dem Richter Giovanni Falcone, am 23. Mai 1992 ermordet. Auf der Höhe des Bildes schließen sich drei weitere Männer der Gruppe an. Ihre Gesichter sind ernst und angespannt, als rechneten sie jeden Moment mit einem Hinterhalt. Eine Kolonne schwarzer Limousinen steht draußen bereit. Kaum ist der Richter eingestiegen, setzt sie sich in Bewegung. Disperato lässt den Kopf nach vorne auf die Brust fallen. Harte Knoten verspannen seine Nackenmuskulatur – die Schläfen schmerzen. Auf dem linken Ohr hört er das gleichmäßige Summen des Motors, auf dem rechten einen grellen Piepton, der kommt und geht. Durch das getönte Panzerglas des Wagens ist das Treiben auf den Straßen nur zu vermuten. Automatisch faltet der Richter die Hände und legt sie in den Schoß. Früher hat er noch bei jeder Autofahrt dafür gebetet, dass die Kolonne nicht zu früh hält. Denn käme sie auch nur ein einziges Mal an einer roten Ampel zum Stehen, könnte diese die letzte gewesen sein. Es gibt einen Ruck. Sie halten, aber nicht zu früh.
Noch vor einem Jahr standen rund um die Uhr zehn Carabinieri vor Disperatos Wohnhaus. Heute sind es tagsüber nur noch zwei. Nachts gibt es niemanden mehr, der ihn beschützt. Der Richter und zwei seiner Männer fahren mit dem Fahrstuhl ins oberste Geschoss. Sein Blick geht ins Unendliche. Er spürt den Atem seiner Begleiter im Rücken. Manchmal ertappt er sich dabei, wie er an ihnen zweifelt. Obwohl sie so etwas wie eine Familie für ihn sind, kann er ihnen nicht vertrauen. Sie könnten zur Familie der Ehrenmänner gehören. Der alte Fahrstuhl ächzt und stöhnt. Sie sind da.

2. Szene
Disperato ist allein. Sofort geht er zur Bar, um sich einen Whisky zu genehmigen. Mit einem zweiten stellt er sich ins Wohnzimmer vor sein Lieblingsgemälde. Aus Sicherheitsgründen kann er kein Museum mehr besuchen und hat sich die Kunst ins Wohnzimmer geholt. Nach stundenlangen Verhören mit den Pentiti, den Kronzeugen, muss er nur für einige Minuten dieses Bild, Tizians Venus von Urbino, betrachten, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Er schmiegt seine Wangen ans Rosé ihrer samtenen Haut und besänftigt seinen Blick an ihren weichen Formen. Nur während dieses kurzen Augenblicks schafft er es zu verdrängen, dass er die Anti-Mafia-Kommission in Palermo leitet.
Falcones Nachfolger, in dessen Schatten er immer stehen wird. Niemand war jemals so erfolgreich im Kampf gegen die Mafia wie er. Ein Mensch mit Prinzipien und einem festen Wertsystem. Die Cosa Nostra respektierte ihn dafür, dass er die Familie ernst nahm. Nicht umsonst schlossen sich damals zahlreiche hochrangige Mafiosi seinem Kronzeugenschutzprogramm an. Er bot ihnen als erster einen Ausweg aus der kriminellen Familienbande an. Disperato kann nicht loslassen. Anstatt im Bild, versinkt er in seinen Gedanken. Das Piepen hört er jetzt auf beiden Ohren. Sein Schädel dröhnt. Der Druck wird unerträglich. Ungeduldig stellt er das leere Glas beiseite, greift sich in die Hose und schließt die Augen. Er stellt sich vor, wie seine Leibwächter von ihren sizilianischen Frauen geritten werden. Dann öffnet er wieder die Augen, schaut auf das Gemälde, verschlingt die Venus. Gierig küsst er ihre festen Brüste, reibt sich an ihrem Po. Er fährt mit der Nase zwischen ihre Beine, atmet ihren süßen Duft. Seine Zunge tanzt auf dem Parkett ihrer feuchten Lippen. Ihr Becken zuckt vor Wollust. Der Himmel öffnet sich und warmer Regen ergießt sich über den gejagten Jäger. Ein schneller, aber effektiver Lustgewinn.

3. Szene
Erschöpft steht er mit einem dritten Whisky vor dem Panoramafenster aus Sicherheitsglas und spült seine Magenschmerzen hinunter. Er schaut auf die umliegenden Dächer der Stadt, kann sie aber nur verzerrt wahrnehmen. Das dicke Glas ist daran schuld. Jeden Abend steht er an dieser Stelle und fragt sich, warum sein Leben diesen Verlauf genommen hat. Warum kämpft er gegen die Mafia? Damals dachte er, alles über die Cosa Nostra zu wissen. In keinem Buch oder Bericht stand jedoch geschrieben, dass er im Kampf gegen die Familie sein Recht auf Freiheit verlieren würde. Mit der Entscheidung, nach Palermo zu gehen, traf er auch die Entscheidung, sich für das Unrecht zu rächen, das ihm als Kind angetan wurde. Demokratie war nicht sein Motiv. Rache ist nicht demokratisch. Diese Erkenntnis kommt ihm jedoch viel zu spät. Was für einen Ehrenmann gilt, gilt auch für ihn: Gehörst du erst einmal zur Familie, ist es für immer.
Seine Leibwächter schärfen Disperato ein, er solle niemals die Terrasse betreten. Scharfschützen könnten ihn von 439 Punkten aus jedem Winkel erschießen. Die Stimmen, die ihn vor dem Betreten der Terrasse warnen, verstummen. Früher war ihm die Sicherheit noch wichtiger als die Freiheit. Heute kann er sich nur vorstellen, wirklich frei zu sein, wenn er tot ist. Disperato nippt am Whisky. Sein Magengeschwür pulsiert und sticht so lange auf ihn ein, bis er die rechte Hand an den Griff der Terrassentür legt und ihn langsam umdreht. Jeder Hieb in den Magen bewirkt eine weitere Drehbewegung seiner Hand, bis er die Tür geöffnet hat. Die ungewohnte Frische der abendlichen Sommerluft erhellt seine Sinne. Stimmen aus dem Fernseher, Hunde bellen, ein Baby weint. Es riecht nach gebratenen Calamari. Die Konturen der umliegenden Dächer sind scharf. Je länger er die Lichter der Stadt mit seinen Blicken einfängt, zweifelt er an seinem Wunsch zu sterben. Warum schießt niemand? Er muss über sich lachen. Jahrelang hat er unter Paranoia gelitten. Die Angst vor Todesschüssen hat ihn davon abgehalten, den herrlichen Ausblick von der Terrasse zu genießen. Er hat sich einschüchtern lassen. Bis zum heutigen Tag hält er die Ehrenmänner für die einzig rationalen Menschen auf dieser Welt. Er beneidet sie nicht nur um ihre Macht, die sie über die Gesellschaft haben, sondern auch um ihren Sinn für die Familie. Disperato verspürt den Wunsch, seine Mutter kennen zu lernen. Wie sieht sie wohl aus? Was für ein Mensch ist sie? Warum hat sie ihn damals abgegeben? Ob sie noch lebt? Der Richter atmet tief durch. Mit der Angst sind auch die Magenschmerzen verschwunden. Noch ein letztes Mal lässt er seinen Blick über die Kulisse schweifen, dreht sich um und kehrt in die Wohnung zurück.

4. Szene
Er zündet in allen Räumen Kerzen an, schaltet die Lichter aus und setzt sich im Schneidersitz in die Mitte des Wohnzimmers. Von dort aus beobachtet er die Schatten einiger Gegenstände, die der Kerzenschein an Decken und Wände projiziert. Dieses Spiel spielte er schon als Kind. Wenn er im Kinderheim nachts im Bett lag, fürchtete er sich vor der Dunkelheit. Die Schatten, die der Schein des Flurlichts an die Decke des Schlafsaals warf, waren jede Nacht die gleichen. Er gewöhnte sich an ihre Anwesenheit. Irgendwann dachte er sich für sie Namen aus und begann, sich mit ihnen zu unterhalten. Sie leisteten ihm Gesellschaft und gaben ihm Sicherheit. Sie waren seine nächtlichen Gefährten, denen er jedes Problem anvertraute. Immer wenn er aus seinem Alptraum erwachte, ließ er sich von ihnen trösten. Er fühlte sich dann nicht mehr so einsam.
Disperato kehrt aus seinen Erinnerungen wieder in die Gegenwart zurück. Plötzlich bemerkt er, dass ein Schatten, den er zuvor noch gesehen hat, verschwunden ist. Er ist sich sicher, dass es nicht sein eigener gewesen ist. Sodbrennen steigt in ihm auf und brennt wie Feuer. Magenschmerzen zerreißen ihn. Der Richter krümmt sich auf dem Fußboden. Die rechte Hand in die Magengrube gepresst, zieht er seinen verkrampften Körper mit der linken in Richtung Schlafzimmer. Im Korridor verlassen ihn jedoch die Kräfte und er bricht ohnmächtig zusammen.
Disperato steht nackt vor einem Haufen Asche. Wind kommt auf und zerstreut das graue Pulver. Er bekommt etwas davon in die Augen und kann sie nicht mehr öffnen. Er sieht nicht, wie der Wind vor ihm aus der Asche eine feminine Silhouette formt, die ihre rechte Hand nach seiner ausstreckt. Auch er versucht sie instinktiv zu erreichen, aber vergeblich. Sie sind im Trichter einer Windrose gefangen und drehen sich im Kreis. Immer wieder werden sie vom Sog des Wirbelsturms mitgerissen. Die Kräfte der Natur arbeiten gegen sie. Werden sie sich jemals erreichen und in die Arme schließen können? In seinem Innern entzündet sich ein gefräßiges Feuer, aber als der Richter fürchtet zu verbrennen, erwacht er auf dem überdimensionalen Doppelbett im Schlafzimmer.

Epilog
Er liegt auf dem Bauch. Die Wohnung ist hell erleuchtet und das grelle Licht der Kronleuchter zwingt seine Augen hinter verschleierte Schlitze. Es fällt ihm schwer, sie offen zu halten. Immer wieder fallen sie ihm zu. Er reißt sie jedoch mit aller Kraft auf. Sie tränen, aber er weint nicht. Salzige Tropfen rinnen ihm seitlich übers Gesicht hinab in die Ohrmuscheln. Sein Mund ist ausgetrocknet. Er hat Durst. Jetzt erwärmt sich langsam sein steifer Körper. Nach minutenlanger Starre bewegt er vorsichtig einzelne Gliedmaßen. Hand- und Fußgelenke schmerzen. Ein leichtes Zittern, das kommt und geht, irritiert ihn. Er fühlt, wie das Blut über die Arterien das Gehirn erwärmt. Aufmerksam hört er in sich hinein. Sein Herz schlägt schwach und unregelmäßig, aber er lebt. Seine Bewegungen sind unbeholfen. Er scheitert bei dem Versuch, sich auf den Rücken zu drehen. Aus irgendeinem Grund kann er seine Arme und Beine nicht richtig bewegen. Unruhig wälzt er sich von einer Seite auf die andere. Er dreht seinen Kopf, um durch einen Blick nach hinten feststellen zu können, was seine Bewegungsfreiheit einschränkt. Dann sieht er den Grund und atmet erleichtert auf. Er weiß nun, dass es schnell gehen wird. Dafür werden sie schon sorgen.

David Nils Völker